Ich bin ein Hund

10 Antworten Ein Beitrag von Lisa

Hallo, ich bin es.
Cuno.
Ein American Staffordshire Terrier.
Ich bin ein Hund.
Wie Lucy und Frieda, meine Freunde.
Doch etwas unterscheidet uns.
Sagen andere.

Ich komme aus Berlin. Jetzt wohne ich in Dresden.

Ich komme aus Berlin. Jetzt wohne ich in Dresden.

Ich bin der, der böse Blicke erntet, wenn er mit Frauchen spazieren geht.
Der, mit dem andere nicht spielen wollen.
Der, der stets beleidigt wird.
„Kampfhund“ nennen sie mich.
Ich weiß nicht, was das heißt.
Frauchen macht es immer traurig.

Ich komme aus Berlin. Sagt Mama. Man weiß es aber nicht so genau. Dort wohnte ich in einem Tierheim, Staffhaus genannt. Damals hatte ich einen anderen Namen. Dort gab es andere wie mich. Die Pfleger sagten „Hier hast du keine Chance“. Sie sprachen von einer Liste. Die Reise ging weiter. Nach Sachsen. Ein kleines Tierheim nahe Dresden nahm mich auf. Eines Tages standen Mama und Papa vor meinem Zwinger. Ich schnappte mir einen Ball und rannte ihnen entgegen. Nur ein Gitter trennte uns. Sie verschwanden. Ich ließ den Kopf hängen, dachte sie würden nicht wiederkommen…wie alle anderen zuvor. Wenige Sekunden später holte mich der Pfleger mit einer Leine aus meinem Zwinger, er führte mich durch ein Tor. Dort standen sie, Mama und Papa. Sie kamen immer wieder – vier Wochen lang, spielten jeden Tag Ball mit mir. Dann war etwas anders. Wir verabschiedeten uns nicht wie immer. Die Autotüre öffnete sich. Auf der Rückbank lag eine große Decke und ein kuscheliges Kissen. „Hopp, Cuno! Es geht nach Hause!“. Das war der glücklichste Tag in meinem Leben. Seit einem Jahr wohne ich in meinem neuen Heim. Vor wenigen Monaten adoptierten meine Eltern meine Schwester Inge. Sie ist auch ein Hund. Ein American Staffordshire Terrier. Wir streiten manchmal, doch die meiste Zeit haben wir uns lieb! Zuhause dürfen wir Hund sein.

Ich bin der, der früher Angst hatte, Angst wieder verletzt zu werden.

Das war unsere tägliche Zeremonie, wenn Mama und Papa mich im Tierheim besuchen kamen: Knutschen bis zum Umfallen

Das war unsere tägliche Zeremonie, wenn Mama und Papa mich im Tierheim besuchen kamen: Knutschen bis zum Umfallen

Der, der Angst hatte, mit ächtenden Blicken zurückgelassen zu werden.
Der, der Angst hatte, wenn ein neuer Tag anbrach.
Der, der Angst hatte, wieder allein in seinem Zwinger einschlafen zu müssen.
Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Angst.

Hallo Mensch, da draußen, ja du, der mich verachtet.
Du siehst meinen Körper.
Du liest in der Zeitung, schaust täglich fern.
Du wiederholst was du last, wiederholst was du sahst.
Du gabst anderen die Erlaubnis für dich zu denken.
Seitdem nennst du mich „böse“.

Du weichst mir aus, zerrst deine Kinder weg.
Ich versuche dich zu verstehen.
Es gelingt mir nicht.

Dein Hass nahm Gestalt an, du schriebst eine Liste.
Diese Liste sagt heute, welcher Hund „böse“ ist.
Lucy und Frieda, meine Freunde, sind dort nicht zu finden.
Ich verstehe es nicht.
Ich bin ein Hund.

Du wünschst mir den Tod,
willst nicht, dass ich Kinder zeuge.
Ich verstehe es nicht.
Ich bin ein Hund.

In Frauchens Regal fand ich ein Buch,
„Rassismus“ stand darauf geschrieben.
Mama weinte als ich sie fragte,
was das zu bedeuten habe.

Heute ist es mein Frauchen, die Angst hat.
Die, die Angst hat, wenn ächtende Blicke sie streifen.
Die, die Angst hat, wenn ich nur kurz mal zu weit vorlaufe.
Die, die Angst hat, irgendwann ohne mich sein zu müssen.
Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Angst.

Doch mein Frauchen ist stark.
Sie zeigt ihre Angst nicht.
Wenn andere mich beleidigen,
nimmt sie mich in Schutz.
Wenn ich mal krank bin,
streichelt sie meinen Bauch.
Papa ist wie Mama.

Zweimal mussten wir schon umziehen.

Mama und Papa spielten 4 Wochen lang jeden Tag Ball mit mir, dann nahmen sie mich mit nach Hause...

Mama und Papa spielten 4 Wochen lang jeden Tag Ball mit mir, dann nahmen sie mich mit nach Hause…

Zuletzt wegen meiner Schwester Inge.
Die Nachbarn wollten uns nicht haben.
Ich mochte sie alle sehr.
Mama und Papa holten sich Hilfe,
eine Anwältin für Tiere.
Nun wohnen wir im neuen Heim,
haben einen Garten und eine Terrasse.
Lucy kommt uns oft besuchen,
Frieda ist fast täglich hier.
Hier bin ich Hund.

Ich möchte dir sagen, ja dir, der mich verachtet.
Ich habe einen großen Kopf.
Ich habe eine starke Brust.
Mit meinem Kopf denke ich.
In meiner Brust, da schlägt ein Herz.
Ich denke.
Ich fühle.
Genau wie du.
Doch wie kann ich es dir zeigen?

Ich weiß es nicht.
Sag du es mir?
Verbrenne diese Liste!
Ich will mein Frauchen lachen sehen,
bin auf der Suche nach Verständnis.

Meine Gene sagen, ich bin ein Amstaff.
Ich sage: Ich bin ein Hund.
Und wer bist du?
Mama ist Mensch.
Papa ist Mensch.
Inge ist Hund!
Wir sind eine Familie..

Curo und Inge, zwei Hunde mit Herz

Curo und Inge, zwei Hunde mit Herz


Gewidmet allen hundischen und menschlichen Opfern von Mobbing und Rassismus. Gewidmet meinen Hunden Cuno und Inge. Gewidmet ihren Freunden Frieda und Lucy. LL

10 Kommentare

  1. Veronika März

    Hallo, ihr Lieben, was für eine zu Herzen gehende Geschichte…EURE Geschichte ! Ich liebe diese sog. „Listenhunde“…finde diese Bezeichnung scheußlich …
    Leider werde ich nie einen haben können, mein Lebensgefährte mag diese Rassen nicht….nicht wegen des schlechten Ruf’s, er mag das in seinen Augen sehr brutale Aussehen nicht. Wir haben schon oft darüber fast gestritten. Nun gut, ich akzeptiere das, bin ja froh, trotzdem von Tieren umringt zu sein bei uns daheim. Wir haben immer Dt. Schäferhunde u. Katzen, die uns zusammen glücklich machen.
    Aber ich wollte euch nur sagen, dass ich sie liebe , diese Listi’s …. und wünsche euch viele glückliche Jahre mit euren wunderbaren Hunden !!! Lasst euch nie von den Menschen mit Vorurteilen beeinflussen oder gar provozieren…auch ich werde jede Möglichkeit nutzen, meiner Meinung Ausdruck zu verleihen, diese elendigen Listen endlich abzuschaffen…
    Herzlich grüßt euch die Tiernärrin Veronika

    1. User Lisa Post author

      Liebe Veronika,

      ich wünschte, es gäbe mehr Menschen wie dich! Es freut mich, dass dich unsere Geschichte berührt. Ich hoffe auch, dass diese Liste irgendwann der Geschichte angehören wird… Ich wünsche dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft und grüße deine felligen Mitbewohner ganz besonders von mir. Liebst, Lisa

  2. Nadine Nord

    Ich habe das Problem schon 2 mal gehabt das plötzlich die Hunde nicht mehr erlaubt waren. Auch wenn ich ne zeit beim freund gewohnt habe, so war weggeben für mich keine Option. Es hat zwar 5-6 Monate gedauert mit 2 Hunden eine Wohnung zu finden, doch hat es trotzdem geklappt. Eine Wohnung ist kein Grund, ein Familienmitglied weg zu geben,auch wenn die Wohnungen vielleicht nicht so schön sind. Aber eine schöne Wohnung,vermittelt nicht die Liebe und hat nicht solche Gefühle,wie eines Hundes.

  3. Petra Hofmann

    ich hatte 2013 eine wohnung angesehen !!!! in der Anzeigt stand Haustiere geduldet dann ganz unten wieder nicht !!Meine Mutter ist schwer an Krebs erkrankt daher der gezwungene Umzug … da meinte der Markler ob ich meinen Hund nicht Freunden oder Verwanden geben könnte . Meine ANtworrt war geben sie ihre Kinder auch ab ??? Nein !!! Nie würde ich meinen Hund weggeben

  4. Sabrina Pischel

    Ja leider schon der öfteren ! Damals bei meiner Lucky ( Belgiescher Schäferhund, Border Colli, Husky Mix ) und auch bei meiner Jetzigen Harley-Davitson ( Altdeutscher Schäferhund ,Kuvatz, Bernadiner Mix Hündin so wie Chihuaha Jenny ) ich gebe meine Hunde schon garnicht mehr an ! War deswegen schon ein halbes Jahr auf der Straße da ich meine Hunde bzw damals nur ein Hund nicht wegen sowie ab gebe ! Meine Hunde sind Familie !

  5. Katja

    Als ich Cuno und Inge kennenlernte, war mir nicht bewusst, dass es „Listenhunde“ sind. Ich erlebte schlicht und einfach zwei liebenswürdige Hunde, die super erzogen werden, artgerecht gehalten werden und ein friedliches Leben mit ihrer Familie führen. Ich habe Cuno und Inge sehr ins Herz geschlossen. Kein einziges Mal haben sie auch nur den Hauch eines aggressiven Verhaltens gezeigt. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn ich sie besuche oder sie auf der Straße treffe, überschlagen sie sich vor Freude und spielen mit mir und kuscheln was das Zeug hält.
    Ich bin überzeugt davon, dass das Problem von aggressiven Hunden, egal welcher Rasse, an mangelnder Erziehung, mangelnder Liebe und mangelndem Wissen der Halter liegt. Genau wie das Problem aggressiver Menschen an ihrer mangelnden Sozialisierung liegt.
    Lisa ist eine wunderbare Hundemama. Das ist ein Fakt. Und ich wünsche mir so sehr, dass sich in Zukunft mehr Menschen trauen, selbst zu denken, schwierige Themen selbst zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung anhand der Realität zu bilden, anstatt vorgefertigte Pauschalisierungen zu übernehmen und somit unbewusst oder bewusst dazu beizutragen, Rassismus zu schüren.
    Ich finde deine Arbeit klasse, Lisa, und wünsche dir weiterhin viel Erfolg!
    Katja

    1. User Lisa Post author

      Wow, liebe Katja, nun muss ich weinen. Ich danke dir von Herzen für deine tollen Worte <3 Sie bedeuten mir viel! <3 Bis ganz bald!

  6. Jutta

    Die Geschichte geht mir wieder sehr zu Herzen. So dass wieder die Augen in Tränen schwimmen.
    Auch ich besitze so einen Schatz, mein Schatz Kira ist eine Stafford-Dame von fast 6 Jahren.
    Ich bin wegen einer sehr dramatischen Geschichte zu dieser Hündin gekommen. Darauf möchte ich nicht näher eingehen.
    Ich hätte mir früher nie gedact mal einen Listi zu besitzen, und heute frage ich mich, wie ich einmal ohne leben konnte. Habe ja auch noch einen Jack Russel
    der schon ein Energiebündel ist. Aber um Kira vor dem Tierheim zu retten, nahm ich sie zu mir. Zugegeben, ich habe einen Untermieter, der sich mit um Kira kümmert. Da ich nun nicht mehr die Jüngste bin, und eine Staffi ist nun mal stark. Aber so etwas Liebes von Hund hätte ich mir nie zu träumen gewagt. Gegen Benny meinen Jack Russel ist Kira ein Seelchen.

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